Die Aktienmärkte sind überkauft

Auch wenn die technischen Aufwärtstrends an den Aktienmärkten weiterhin in Takt sind, so rumort es doch unter der Decke. Wir rechnen daher im Mai/Juni mit gesunden Rücksetzern an den Börsen weltweit, nicht jedoch mit einem Crash. Warum aber rechnen wir mit einem Rücksetzer? Saisonal betrachtet sind die Monate Mai bis Oktober eher schwierige Börsenmonate. Ausgedünnte Umsätze können immer wieder zu der ein oder anderen heftigen Bewegung an den Finanzmärkten in dem vor uns liegenden Halbjahr führen und einen Dominoeffekt auslösen.

Vor diesem Hintergrund müssen wir auch die aktuelle Überhitzung des Marktes sehen. Der inzwischen stark überkaufte DAX z.B. stößt sich seit Monaten immer wieder den Kopf an der oberen Begrenzung des seit Dezember gebildeten Aufwärtstrendkanals an. Von dieser oberen Begrenzung aus tritt er dann immer wieder den Rückzug an; bisher allerdings nicht in nennenswertem Ausmaß, um die kurzfristigen Übertreibungen ausreichend korrigieren zu können. Und so hat sich der DAX inzwischen von seinen soliden langfristigen Mittelwerten zu weit entfernt, vom Mittelwert der letzten 40 Wochen inzwischen gar um rund 12%.
Eine äußerst stabile Unterstützung weist der DAX um die 11.450 DAX-Punkte auf. Eine Marke, die im Sommer durchaus angepeilt werden könnte. Doch Vorsicht; Anleger sollten nicht prospektiv handeln. So lange der Trend intakt ist, sollte man investiert bleiben - ganz nach dem Motto: The trend is your friend. Und aufgrund der positiven Wirtschaftsentwicklung in Europa - weltweit verbessern sich aktuell die Konjunkturdaten in Europa am stärksten - könnten die Aktienmärkte bereits nach einer kleineren Korrektur wieder gegen Norden durchstarten, ohne sich vorher ausreichend abgekühlt zu haben. Bis 11.450 DAX-Punkte muss es also erst gar nicht runter gehen.
 
Betrachtet man sich den amerikanischen Aktienmarkt, so sind auch dort einige Divergenzen zu beobachten. Während nämlich einzelne große Titel stark steigen, hinkt der breite Aktienmarkt und vor allem kleinere Titel aus dem marktbreiten Aktienindex, Russell 2000, den bekannteren Leitindizes hinterher. Weiterhin kann auch der Dow Jones - Transportindex nicht dem Dow Jones Industrial folgen. Gemäß Dow-Theorie ein negativer Vorbote für die Aktienmärkte.
 
Auch die verhaltenspsychologische Seite gibt zu denken. Das so genannte Angstbarometer, der amerikanische Volatilitätsindikator VIX, zeigt eine zu große Sorglosigkeit der Investoren an. Und auch das Leerverkaufsverhalten amerikanischer Spekulanten liegt auf einem historischen Tief. Es werden z.B. fast keine Short-ETFs mehr gekauft. Niemand rechnet also aktuell mit fallenden Aktienkursen, was aber als Kontra-Indikator zu werten ist. 

Potentielle Korrekturen an den Aktienmärkte dürften zunächst wieder von den amerikanischen Aktienmärkten ausgehen. Doch viele fundamentale Gründe könnten uns übergeordnet in Europa Auftrieb geben oder zumindest potentielle Rücksetzer stärker abfedern. Denn trotz dieser kurzfristigen Übertreibungen der Aktienindizes lassen politische Risiken in Europa inzwischen wieder nach. In Frankreich wurde der Europafreundliche Macron gewählt und die wirtschaftliche Gefahr eines zukünftig rot-rot-grünen Bündnisses scheint angesichts der Ergebnisse der Landtagswahl in Schleswig-Holstein vom Tisch zu sein. Zudem sind europäische Aktien im Vergleich zu amerikanischen Titel noch vergleichsweise günstig bewertet. So liegt die Aktienbewertung im Rahmen des DAX beim fairen 14-fachen der Jahresergebnisse der Unternehmen. Amerikanische Fondsmanager haben dies inzwischen auch entdeckt und haben daher im April stark in Euro-Aktien umgeschichtet. Sehr gut fallen auch die Zwischenberichte der DAX-Unternehmen im Rahmen der laufenden Bilanzsaison für das erste Quartal 2017 aus. Die Gewinne liegen zweistellig über dem Niveau des Vorjahreszeitraums und übertrafen damit die Erwartungen der Analysten.

Kurzfristig dürften sich jetzt die Märkte auf die US-Notenbanksitzung im Juni fokussieren. Dann nämlich wird von den Marktteilnehmern mit einer kleineren Zinserhöhung in den USA gerechnet. Entsprechende Terminkontrakte sehen hierfür aktuell eine Wahrscheinlichkeit von 98%.
Die europäische Notenbank, EZB, hingegen dürfte vorläufig keine größeren Veränderungen vornehmen - trotz eines sich aktuell verbessernden Wirtschaftswachstums. Erst ab 2018  dürfte die EZB die Anleihenkäufe zurückfahren und in 2019 anfangen, die Zinsen im Euroraum anzuheben.

Blog Vermögensverwaltung