Für eine endgültige Entwarnung ist es zu früh

Viele reiben sich verwundert die Augen. Denn trotz vieler belastender Faktoren sind die Aktienmärkte seit Januar regelrecht ausgebrochen. Dabei dürfte der Hauptgrund für die steigenden Aktienkurse die wieder erhöhte Liquidität sein.

So hat die EZB zum 1. November ihr Ende 2018 eingestelltes Anleihekaufprogramm mit einer Summe von 20 Mrd. Euro pro Monat wieder aufgenommen. Und auch in den USA stieg jüngst die Fed-Bilanz aufgrund der Repo-Injektion wieder auf über 4 Billionen Dollar an. Mit dem Eingriff in die Repo-Rate will man den Zinssatz für kurzfristige Leihgeschäfte senken. Die Fed versorgt also die Wirtschaft weiterhin mit Liquidität, was landläufig auch als QE4 bezeichnet wird. Und tatsächlich wirkt es so, als ob der Markt in der Vergangenheit immer dann gestiegen ist, wenn QE lief. Bis 2012 sind der Verlauf des S&P 500 und der Notenbankbilanz kaum vonei¬nander zu trennen. Just in den Tagen, als die Bilanz dann ihr Maximum erreichte, kam es 2015 zu einer Konsolidierung und Korrektur. Betrachtet man die Veränderung der Bilanzsumme und die Performance des S&P 500, kommen einem jedoch Zweifel. Der S&P performte im Som¬mer 2011 nicht, obwohl die Bilanzsumme stark stieg. 2012 fiel die Bilanzsumme, der S&P stieg hingegen gegenüber dem Vorjahr um 30 %. Von Ende 2015 bis Ende 2017 war die Bilanzsumme stabil, der S&P 500 performte hervorragend. Der Aktienmarkt kann also auch mit QE korrigieren! Das hat die Vergangenheit gezeigt. QE ist somit kein Grund für absurde Kursziele.
Und auch der Brexit ist nicht abgehakt. Zunächst muss nämlich in Großbritannien gewählt werden. Danach geschieht vermutlich das, was bisher auch geschah: keine klare Mehrheit und die Parteien können sich einfach nicht zusam¬menraufen.
Bei genauerem Hinsehen wird wohl auch der Handelskonflikt wieder ein größeres Thema werden. Denn China will nur einem Phase 1 Deal zustimmen, wenn die Zölle zurückgenommen werden. Die USA wollen das aber nicht. Eigent¬lich sind damit die Gespräche wieder gescheitert. Einziger Licht¬blick sind die Wahlen in den USA im kom¬menden Jahr. Der Handelskonflikt muss daher enden, um die Wirtschaft nicht außer Tritt zu bringen. Am Ende besteht die Hoffnung, dass ein Deal, der gar keiner ist, beschlos¬sen und als großartigster Deal aller Zeiten von Trump gefeiert wird.
Wieder andere sehen die Aktien-Rally als Folge einer Unterinves¬tierung. Viele Anleger haben nämlich ihre Aktien nach den Einbrüchen in 2018 verkauft und sind nun in 2019 nicht investiert. Je höher die Kurse steigen, desto größer wird aber der Leidensdruck, doch dabei sein zu wollen.
Fundamental ist man aktuell der Meinung, dass es in Deutsch¬land zu einem wirtschaftlichen Turnaround kommen könnte. Der Index für das verarbeitende Gewerbe setzte nämlich jüngst seinen kurzfristigen Rebound fort. Nach einem Tief, das seit der Finanzkrise nicht mehr gesehen wurde und auf das die Aktienmärkte gar nicht reagiert haben, ging es jetzt zwei Monate in Folge nach oben. Das Tief lag bei 41.4 Punkten. Der aktuell Wert liegt bei 43.8. Das ist aber noch weit von der Expan¬sionsschwelle von 50 entfernt. Die Lage wird damit aber zumindest nicht mehr schlechter.
In der Eurozone zeigt sich ein ähnliches Bild. Auch hier hellt sich die Lage in der Indust¬rie kurzfristig auf. Da andere Euroländer für Deutschland ein wichtiger Absatzmarkt sind, ist das auch für Deutschland von zentra¬ler Bedeutung. Es sieht nach Frühling aus. Doch dieser Eindruck verdrängt andere Datensätze, unter anderem den Einkaufsma¬nagerindex für das Dienstleis¬tungsgewerbe. Hier wurde nämlich ganz selbstverständlich angenom-men, dass die Lage gut bleibt. Genau das ist aber nicht der Fall. Bisher schienen Dienstleister gegen den Abschwung des verarbeitenden Gewerbes immun zu sein. Das verhinderte evtl. an der Börse auch eine größere Kor¬rektur. Dienstleistungen sind für die Wirtschaft aber bedeuten¬der als die Industrie. Lange wurde gewarnt, dass die Schwäche in der Industrie früher oder später auch auf Dienstleis¬ter übergreifen würde. Genau das scheint nun geschehen zu sein. Sowohl in Deutschland, als auch in der Eurozone fiel der Einkaufsmanagerindex der Dienstleistungsbrache. Hoffen wir, dass zumindest eine Rezession in 2019 verhindert werden kann. Und auch die Industrie ist noch lange nicht auf Expansionskurs. Frühlingsgefühle kommen also realwirtschaftlich nicht auf und die Schere zwischen der Realwirtschaft und den Aktienkursen ist bedenklich weit auseinander gegangen.
Die Lage ist und bleibt damit weniger rosig als es die Aktienkurse aktuell vermuten lassen.




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