Marktkommentar

Der Corona-Schock beschert unserer Wirtschaft und den Finanzmärkten die schwärzesten Börsentage seit Jahrzehnten. Die Verwerfungen in der Wirtschaft und auf den Finanzmärkten übertreffen zwar (noch) nicht in ihrem Ausmaß, aber doch in ihrer Heftigkeit und historisch einmaligen Geschwindigkeit die Korrekturen der Aktienmärkte zu Beginn des Jahres 1929. Betrachtet man die bisher höchsten Tagesverluste des DAX, so wurde inzwischen sogar der DAX-Rückgang am Tag der Anschläge in den USA mit damals 8,5 Prozent überboten. Der Dow Jones wiederum hat seinen zweitgrößten Tagesverlust seit 1987 verbucht. Er sackte nämlich am Montag, den 16. März, um 13 Prozent ab. Nur am 19.10.1987 lag der Tagesverlust mit 22,61 Prozent noch höher.

Heftig ist die aktuelle Korrektur vor allem deshalb, weil sie in kürzester Zeit aus einem Allzeithoch heraus die Anleger aus dem Schlaf gerissen hat. Am 23. Februar war die Welt des Dow Jones noch in Ordnung. Doch schon am 11. März betrugen die Verluste insgesamt mehr als 20 Prozent – was landläufig als Bärenmarkt eingestuft wird. Auch der DAX erlebte binnen vier Wochen einen Kurssturz von 13.795,24 auf 8.255,65 DAX-Punkte (Stand: 16.03.2020) vollzogen. Wer also am 19.03.2019 mit seiner DAX-Investition noch auf der Gewinnerseite sein wollte, hätte bereits vor August 2013 eingestiegen sein müssen. Alle späteren Investitionen in den DAX führen inzwischen ins Minus. Noch schlechter sieht es europaweit aus. Der marktbreite europäische Aktienindex EURO STOXX 50 steht da, wo er schon im Mai 1997 notierte. Viel besser sieht es hingegen in den USA aus; der Aktienindex S&P 500 steht am 19.03.2020 auf dem Niveau vom Juni 2017. Investitionen vor dem Juni 2017 liegen damit alle im Plus. Eine Aussagekraft für die Zukunft hat das allerdings nicht. Denn der US-amerikanische Aktienmarkt ist der teuerste weltweit und hat damit auch das größte Korrekturpotenzial. Und über kurz oder lang könnte sich auch das rächen.
Einmalig an diesem Crash ist seine Geschwindigkeit. Solch ein schnelles Tempo hat bisher noch kein Bärenmarkt vorgelegt – selbst die Crashs von 1987 und 1929 nicht. Damals traten die substanziellsten und heftigsten Einbrüche erst nach rund fünf Wochen zunächst relativ kontinuierlicher Verluste auf. Zeit also, um sich auf die Korrekturen vorbereiten zu können. Und auch bei den festverzinslichen Wertpapieren markierten jüngst die 10-jährigen Bundesanleihen ein neues Allzeittief! Wer hätte das noch 2019 gedacht. Überhaupt müssen in dieser Krise Anleger alles Verfügbare versilbern, um ihre Kreditlinien einhalten zu können, angefangen von Aktien über festverzinsliche Wertpapiere bis hin zu Gold, Rohstoff- und Ölwerten. Doch als wäre das Coronavirus als Auslöser für Finanzmarktturbulenzen  noch nicht genug, kommt aktuell auch noch der Ölkrieg zwischen Russland und Saudi-Arabien hinzu. Und so stürzten die Öl-Futures der Sorte WTI am 16. März um rund 30 Prozent auf unter 28 US-Dollar je Fass ab – ein Tiefstwert, den man seit 1991 nicht mehr gesehen hat.
Kein Wunder also, dass diese Korrekturen von Extremwerten bei vielen Indikatoren und Indizes begleitet werden. Das Angstbarometer Put/Call-Ratio überstieg inzwischen sogar seinen Höchstwert aus dem Jahr 2018, und der Volatilitätsindikator VIX konkurriert inzwischen mit den hohen Angstwerten von 1987 und 2008.
Auch konjunkturell müssen wir uns auf einiges gefasst machen; so sind die Konjunkturerwartungswerte des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) für Deutschland und die Eurozone im März um 58,2 Punkte auf -49,5 Punkte abgestürzt. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Umfragen im Dezember 1991! Auch der ifo-Präsident Clemens Fuest weist darauf hin, dass der ifo-Geschäftsklimaindex aktuell den stärksten Rückgang seit 1991 und den niedrigsten Wert seit August 2009 aufweist. Der Index brach im März auf 87,7 Punkte ein, nach 96 Punkten im Februar. Noch düsterer sieht das Institut für Weltwirtschaft (IfW) die Zukunft. Es rechnet für 2020 mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 8,7 Prozent. Eine ähnliche Konstellation derart düsterer Wirtschaftsprognosen gab es zuletzt in der Finanzkrise 2008.
Doch wie geht es weiter ?
Die starke Überbewertung der Aktienmärkte ist inzwischen abgebaut. Viel zu hoch waren die Aktienkurse in Relation zur Realwirtschaft. Durch den Einbruch der Kurse ist das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) des DAX für die nächsten zwölf Monate jetzt von 14 auf etwas mehr als neun gesunken, auch wenn man kritisch anfügen muss, dass die Werte auf wahrscheinlich noch zu hohen Gewinnschätzungen der Analysten beruhen. Betrachtet man den DAX, so hat er aber inzwischen seinen Buchwert erreicht. Das entspricht nur noch dem Anschaffungswert aller Vermögenswerte ohne Aufschlag. Value-Investoren werden sich deshalb wohl allmählich wieder zurück in den Markt wagen, so dass zumindest ein vorläufiger Boden der Aktienkurse noch im April erreicht werden dürfte. Der bekannte Vermögensverwalter Dr. Jens Ehrhardt weist darauf hin, dass es in den letzten 100 Jahren nur dann mehrjährige Aktienbaissen gab, wenn die Zentralbanken vorher zur Inflationsbekämpfung die Zinsen drastisch angehoben hatten. Das ist diesmal völlig anders.
Rein charttechnisch aber tritt erfahrungsgemäß nach den ersten heftigen panikartigen Einschlägen zunächst eine Erholung ein. Diese Erholung könnte im März und April starten. Selten war in der Vergangenheit allerdings das gesamte Korrekturpotenzial mit dieser technischen Reaktion endgültig ausgeschöpft. Vielmehr folgt der ersten Korrektur in der Regel nochmals ein Abwärtstrend. Ein sogenannter Flash-Crash wie 1987 ereignet sich nur ganz selten. Dort stiegen die Aktienmärkte nach dem einem kurzen heftigen Crash tatsächlich wieder kontinuierlich an, ohne nochmals abzutauchen.


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